Immer mehr Kinder erhalten heute die Diagnose ADHS. Doch wenn ich im Praxisalltag genauer hinschaue, sehe ich etwas Spannendes: Viele dieser Kinder haben nicht „einfach ADHS“ – sie sind hochreaktiv. Das heisst: Sie nehmen die Welt intensiver, feiner und tiefgründiger wahr, als wir Erwachsenen es oft verstehen.
Diese Kinder hören nicht nur lauter, sie fühlen auch mehr: Stimmungen im Raum, Spannungen zwischen Menschen, grelles Licht, kratzende Kleidung, Rundum-Geräusche… ihr Nervensystem arbeitet auf einer anderen Frequenz. Wie ein hochsensibles Instrument ist es wachsam, empfänglich, kreativ – aber auch schneller überfordert.
Und genau hier überschneiden sich ADHS und Hochsensibilität. Nicht selten sind die Symptome weniger „Aufmerksamkeitsschwäche“, sondern eher ein Nervensystem, das zu viele Reize gleichzeitig verarbeitet – hormonell, emotional und sensorisch.
Wie ein hochreaktives Nervensystem funktioniert
Wenn solche Kinder in einen Raum kommen, registrieren sie sofort alles: das Summen des Kühlschranks, das Licht, den Tonfall der Eltern, die Bewegung im Hintergrund, die Stimmung der Geschwister. Diese dauernde Flut von Informationen kann zu zwei typischen Reaktionen führen:
Reizüberflutung – das Kind wirkt „überdreht“, kippt emotional, weint oder zieht sich zurück.
Hyperfokus – das gleiche Kind versinkt später stundenlang in ein Bild, ein Spiel oder ein Thema.
Der Hyperfokus ist keine „Flucht“, sondern eine hochintelligente Selbstregulation: Das Gehirn sucht bewusst einen einzigen Reiz, der kontrollierbar ist. Ja – ADHS-Kinder können sich hervorragend konzentrieren. Einfach nicht dann, wenn wir es erwarten.
Was Stresshormone damit zu tun haben
Bei Überforderung schiesst im Körper dieser Kinder Adrenalin hoch – Alarmmodus. Kurz darauf folgt Cortisol, das Stresshormon, das wach macht, aber auch emotional überflutet.
Dann passiert Folgendes:
• Die Muskelspannung steigt.
• Die Aufmerksamkeit springt unkontrollierbar.
• Emotionen entgleiten.
Das Kind wirkt unruhig oder „unkonzentriert“, aber in Wahrheit befindet es sich im Überlebensmodus.
Das erklärt auch, warum Strafen oder Disziplin nichts bringen. Sie erhöhen Cortisol noch mehr. Sicherheit dagegen senkt es. Und erst wenn das Nervensystem wieder herunterfährt, wird das Kind kooperativ, zugänglich, neugierig – eben so, wie es wirklich ist.
” Wenn wir aufhören, ADHS als „Störung“ zu betrachten, öffnet sich etwas. “
So erkennst du Reizüberflutung – bevor es knallt
Viele Eltern spüren intuitiv, wenn „es kippt“. Aber oft wird das Verhalten falsch interpretiert.
Typisch sind:
• plötzliche Reizbarkeit, Stimmungsschwankungen, Rückzug
• sensorische Überempfindlichkeit („Es kratzt!“, „Zu hell!“, „Zu laut!“)
• körperliche Signale wie verspannte Schultern, schnelle Atmung
• scheinbar grundloses Weinen oder Wut
Das ist kein Trotz. Kein „schlechtes Verhalten“.
Sondern ein Nervensystem, das Hilfe braucht.
Die Reaktion darf dann so klingen:
„Ich sehe, es ist gerade viel für dich. Komm, wir holen kurz Ruhe.“
Was hochreaktive ADHS-Kinder in Stressmomenten brauchen
Nicht Kontrolle.
Nicht Strenge.
Sondern Co-Regulation.
Ihr Nervensystem übernimmt unsere Energie wie ein Spiegel. Wenn wir ruhig sind, atmen, präsent bleiben, reguliert sich das Kind mit.
Hilfreich ist alles, was Sicherheit sendet:
• ruhige Stimme, langsame Bewegungen
• eine sanfte Berührung oder Nähe
• Erdung: barfuss stehen, gemeinsam atmen
• etwas Schweres halten (Stofftier, Ball, Kissen)
Beruhigung ist keine Belohnung. Sie ist die Voraussetzung für Kooperation.
Praktische Tools für den Alltag
Hier ein paar einfache Übungen, die viele Familien in der Praxis lieben:
Atemanker:
„Wir atmen den Sturm aus und holen Ruhe ein.“
Gemeinsames Atmen verändert sofort den Cortisolspiegel.
Sinnesreise:
„Was sehe ich? Was höre ich? Was spüre ich?“
Hol das Kind aus dem Chaos ins Jetzt.
Mini-Pausen:
Eine Minute Stille zwischen Reizen – Gold wert.
Körperkontakt:
Hand halten, Rücken an Rücken sitzen – beruhigt das Nervensystem.
Rituale:
Kinder lieben Wiederholbarkeit. Sie gibt Orientierung und hormonelle Stabilität.
ADHS-Kinder können sich hervorragend konzentrieren. Einfach nicht dann,
wenn wir es erwarten.
ADHS neu denken – als besondere Form der Wahrnehmung
Wenn wir aufhören, ADHS als „Störung“ zu betrachten, öffnet sich etwas.
Diese Kinder sind nicht zu viel.
Sie sind feiner, schneller, kreativer, intensiver.
Ja, manchmal auch chaotischer – aber auf eine Art, die unglaublich viel Potenzial trägt. Viele von ihnen haben eine hohe Intuition, eine enorme Fantasie, eine ausgeprägte Verbundenheit mit der Natur und eine emotionale Tiefe, die beeindruckend ist.
Unsere Aufgabe ist nicht, sie „zurechtzubiegen“.
Sondern ihnen zu helfen, sich selbst zu verstehen, Reize zu dosieren, ihren Körper und ihre Hormone zu lesen – und ein Umfeld zu schaffen, in dem sie nicht untergehen, sondern aufblühen.
Denn hochreaktive Kinder brauchen vor allem eines:
Ein Gegenüber, das ihre Welt aushält.
Ein Zuhause, das Sicherheit schenkt.
Und Erwachsene, die ihre Besonderheit nicht kleinreden – sondern als Stärke sehen.
Ps: Abboniere meinen Newsletter, dort gebe ich dir Tipps, Fakten und Einblick in meine Erfahrung mit Menschen mit ADHS. Ich beschäftige mich seit vielen Jahren mit dem Thema und bin fasziniert, was alles dahinter steckt. ADHS ist keine Schande, ADHS ist eine Chance.